Das ist wirklich ein Kapitel für sich, denn wenn man aus
Deutschland kommt, muss man sich kräftig umstellen und sich auf einiges gefasst
machen.
Zunächst das aller Wichtigste:
Mach nichts Illegales und versuch gar nicht erst zu tricksen!
Es wird dir früher oder später um die Ohren fliegen.
Da kommen Leute und schlagen dir ein glänzendes Geschäft vor mit viel Rendite. Die Leute sind unglaublich nett und ihr versteht euch auf Anhieb. Es gibt keinen Grund zum Misstrauen. Du kannst sicher sein: Am Ende hast du, wenn du Glück hast, nur deinen Einsatz verloren. Wenn es schlimm kommt: alles! Fast jeder, der es versucht hat, kann Geschichten davon erzählen, wie er gelinkt worden ist. Selbst Menschen, die schon lange in Brasilien leben, fallen immer wieder auf solche Machenschaften rein. Man selber kommt gar nicht auf so viele Ideen, wie die, die an Ihr Geld wollen. Darum: Mach nichts Illegales! Stell niemand schwarz an: Er wird Dich hinterher verklagen, wenn Du den Vertrag auflöst. Nicht mal eine Putzfrau sollte illegal angestellt werden. Kein Geschäft am Fiskus vorbei, nichts, nichts, nichts! Wer das beherzigt, erspart sich sehr viel Ärger, Sorgen und Geld, auch wenn ein Geschäft zunächst weniger lukrativ erscheint! Dabei sollte man besonders vorsichtig mit Rechtsanwälten sein. Es gibt unter ihnen viele ausgekochte Typen mit noch mehr Tricks.
In kleinerem Ausmaß gilt das auch für versuchte Trickserei. Um unnötige Bürokratie zu vermeiden, gibt man bei Behörden nicht ganz korrekte Angaben über sich, seine Verhältnisse und seine Lebensumstände an. Die brasilianische Bürokratie aber ist so angelegt, dass sie Ungereimtheiten aufdeckt und die Trickser als Lügner entlarvt. Und das hat in der Regel eine noch viel, viel schlimmere Bürokratie zur Folge bis dahin, dass Dokumente beschafft werden sollen, die es gar nicht gibt. Im schlimmsten Fall lassen sich dann Pläne nicht mehr umsetzen bis dahin, dass es einem unmöglich gemacht wird, in Brasilien zu leben.
Wer das beherzigt, möge gleich zwei weitere wichtige Grundsätze beachten:
Sieh
zu, dass du so möglichst nichts mit dem Staat zu tun bekommst! Vermeide
möglichst jeden Kontakt, allerdings unter aufmerksamer Observanz, was der
Staat von dir wünschen könnte.
Will
der Staat was von dir, dann sieh zu, dass du das erledigt bekommst, um
möglichst bald wieder in den Zustand des 1. Grundsatzes zu kommen. Sei
dabei ganz vorsichtig, geduldig, servil und ausgesucht höflich und
freundlich. Merke: Die staatlichen Mitarbeiter sind gesetzlich geschützt.
Wer ihnen schräg kommt, muss mit einer Gefängnisstrafe rechnen! Und ein brasilianisches
Gefängnis ist sicher kein Urlaub.
Wie man sieht, versteht sich der Staat keineswegs als Diener
seiner souveränen Bürger, sondern eher als Souverän seiner ihm dienenden
Bürger. Politische Ämter sind Pfründe – sicher auch ein Grund für hohe Preise.
Der Staat selber verursacht also einigen Trouble. Denn der
Bürger hat immer die Pflicht, das herbei zu schaffen und zu erledigen, was der
Staat von ihm möchte. Der Staat erlässt nun ein Gesetz, das etwas vom Bürger verlangt.
Nun muss der Bürger zusehen, wie der Staat das bekommt, was er vom Bürger haben
möchte! Von mir verlangt man, dass ich, um Miteigentümer von Auroras Häuschen
zu werden, eine Steuernummer habe. In Deutschland bekommt man die beim Finanzamt
automatisch zugeteilt. Das erscheint logisch, weil nicht ICH das Interesse habe, Steuern zu zahlen, sondern der Staat Interesse daran hat, sein Recht auf Steuererhebung auch bei mir durchzusetzen. Nicht so in Brasilien. Auch hier hat der Staat das selbe Recht auf Steuererhebung, aber im Prinzip sieht es dann so aus, dass der Staat deswegen wie ein behäbiger Matcho die Hand ausstreckt und ich zusehen muss, dass und wie ich ihm meine Steuern da rein gebe. So entsteht eine 2-tägige Bürokratie um die Steuernummer herum.
Voller Hoffnung auf baldige Umsetzung meines Wunsches ging es zunächst zur Banco do
Brasil um zu fragen, welche Unterlagen ich zum Erhalt dieser Steuernummer (CPF) brauche. Das war über meinen Pass hinaus in meinem Fall lediglich eine internationale Geburtsurkunde. Also gab ich erst mal meinen Wunsch auf und fuhr nach Deutschland, um die Urkunde zu besorgen. - Wer eine neue CPF, also Steuernummer, braucht, sollte sich gleich sowas aus Deutschland mitbringen. Gibts auf dem Standesamt des Geburtsortes. - Beim nächsten Brasilienbesuch eilte ich dann gleich zurück zur Banco do Brasil. Hier saß ich erstmal in einer langen Schlange, obwohl ich kurz nach Öffnung der Bank dort war, füllte dann mit der Angestellten ein Formular aus. Dann stand ich 2 Stunden am Schalter an (war ungef. der 30. in der Schlange an 2 Schaltern, wobei auch alle Rentner locker an mir vorbei zogen - merke: Bankangelegenheiten in São Paulo brauchen grundsätzlich in aller Regel einen halben Tag!), um 4,50 Real Gebühr zu zahlen (rund 1,75 €).
Am nächsten Tag fuhr ich dann sehr früh zur Finanzbehörde, um mich in einer weiteren Schlange einzureihen, obwohl die Behörde noch nicht auf war. Immerhin verkürzte sich so die Wartezeit. Obwohl ich also rund 30 Minuten vor Öffnung der Behörde in Santo Amaro da war, gab es schon eine längere Schlange, in die ich mich einreihte. Also erst mal draußen warten, dann drinnen warten und dann, als ich endlich dran war, ein einstellsames Gespräch mit den staatlichen Mitarbeitern nach obigen Verhaltensregeln. Und dann endlich bekam ich eine Quittung, dass ich die Nummer erhalten sollte und dass sie in 10 - 14 Tagen an meine Adresse in Brasilien geschickt wird. Merke: Wer also solche Nummer braucht, beantrage sie nicht am Ende seines Brasilienaufenthaltes, sondern am Anfang.
Wie würde wohl in Brasilien z.B. Hartz IV umgesetzt (was
allein von der Idee her schon sehr unbrasilianisch wäre. Schließlich hat der Bürger für den Staat zu sorgen und nicht umgekehrt!)? Wahrscheinlich würde
der Bevölkerung mitgeteilt, dass sich alle, die meinen, einen Anspruch zu
haben, in einem Zeitraum von festgelegten 3 Tagen bei einer Behörde melden
müssen, um ihren Anspruch geltend zu machen. Wer nicht kommt, bekommt nichts.
Also bilden sich schon am Vorabend des Zeitfensters Schlangen vor der Behörde.
Wartezeiten von 2 Tagen sind ein zukalkulieren, denn alles braucht Zeit: die
Prüfung des Ausgefüllten usw. ... Seien wir in dem Fall froh, in Deutschland zu leben
... trotz allem. Und wenn Sie in Brasilien eine Schlange sehen, die an einen
HO-Laden in der DDR erinnert, in dem es Bananen zu kaufen gab, dann wird
diese Schlange sicher an einer Behörde enden.
Wie in den USA hält man wenig von Deeskalationstaktiken im Umgang
von Polizei und Bürger. Das sehen wir ja auch oft im Fernsehen, wenn sich
martialische Polizisten in den Favelas Schusswechsel mit deren Bossen liefern.
Draufhauen sieht man hier staatlicherseits als gutes und geeignetes Mittel, sich gegen die
nicht angepasste, oft an der Hungergrenze lebenden Bevölkerung durchzusetzen. Das erzeugt Angst sowohl bei den
schlecht bezahlten Polizisten, oft sozial schlecht abgesicherte
Familienväter, als auch bei den Kriminellen und bei der übrigen Bevölkerung,
die leicht zwischen die Fronten gerät. Rudi hielt auf einer Fahrt von Rio nach
São Paulo bei einer Polizeistreife an, um die Polizisten nach dem Weg zu
fragen. Dabei wunderte er sich, dass er mit größter Vorsicht behandelt wurde,
obwohl er alles tat, um seine Harmlosigkeit zu zeigen. Später erfuhr er, dass
in jener Nacht 19 Menschen an dieser Straße durch die Polizei erschossen worden
sind. Die Straße führte nämlich an einer Favela entlang. Er war in einen Kleinkrieg geraten. Glück gehabt! Aber da alle über diese
Verhältnisse Bescheid wissen, müssen nur wir lernen, mit diesem aberwitzigen
Irrsinn umzugehen, wenn wir dort leben möchten. Die Einheimischen halten sich
eher an den 1. oben genannten Grundsatz.
Ganz unschuldig sind die Brasilianer an diesen irren Verhältnissen nicht, weil sie vor gar nicht langer Zeit in einer Volksabstimmung für den weiterhin freien Verkauf von Waffen stimmte. Offenbar glaubt man, man könne sich durch eine eigene Waffe besser schützen, wobei man nur hoffen kann, dass man KEINE Waffe bei sich hat, wenn man z.B. auf einen Polizisten im Kleinkrieg oder auf bewaffnete Kriminelle trifft. Die sind in den meisten Fällen einfach schneller mit ihrer Gun als man selber.