
Bei der brasilianischen Währung ist es wie mit Aktien: die können steigen bis ins Unermessliche und einen sehr tiefen Fall tun. Wer keine Aktien hat, braucht sich darum nicht zu kümmern. Aber wer nach Brasilien fährt, muss ich auf jeden Fall um den Real kümmern. Es gab eine Zeit, da stand der Real zum Euro im Verhältnis
4 Real : 1 Euro. Da war das Leben in Brasilien wirklich günstig für uns
Deutsche. Heute pendelt der Kurs - mitten in der Eurokrise zwar, jedoch durchaus spürbar - bei 2,20 Real : 1 Euro lag. Das Leben in Brasilien wird also immer teurer, wenn man seine Lebensgrundlage in Euroland hat. Umgekehrt können alle Brasilianer, die nach Deutschland kommen, eingekauft, was die Taschen fassen, weil alles so unglaublich billig - und dabei noch von guter Qualität - ist. Ein Ende dieser Entwicklung des Realkurses nach oben ist nicht abzusehen. Zwar sind die Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Fleisch und
Früchte günstig - na ja, auch das Fleisch hat kräftig im Preis angezogen - , aber alles, was darüber hinaus geht, ist eher
teuer. Ein kleines Glas Marmelade von einigermaßen Qualität kostet rund 6 Real.
Ein Ventilator, bei einem deutschen Discounter erstanden, kostet hier knapp 15 Euro. In Brasilien kann man dafür locker 150 Real auf den Verkaufstresen blättern. Das liegt
u.a. an
den enorm hohen Steuern. Brasilien ist ein großes Land mit vielen armen
Menschen, die dem Staat kein Geld bringen. Die Steuerlast müssen also die
Reichen und die Menschen der Mittelschicht tragen. Die Reichen haben – wie
überall – viele Abschreibungsmöglichkeiten, so dass die Hauptlast bei den
Arbeitnehmern der gehobeneren Einkommensklassen liegt. Dennoch erklärt das
nicht allein die enorm hohen Preise für „Luxusgüter“, zumal oftmals die
Qualität dieser Güter sehr schlecht ist. Meine Erfahrung sagt, dass die Preise
das Dreifache der deutschen Preise sind, dafür die Qualität der Produkte auf
ein Drittel reduziert ist. Entscheidend für das Kaufverhalten ist das Aussehen, nicht die Qualität. So scheint es jedenfalls.
Kleine Beispiele dafür:
- Von Rudis 5 großen Kühlschränken funktionieren nur 2 fehlerlos.
- Ein guter Besen in Brasilien kostet 20 Real. Dafür bekommt man einen wunderschön farbigen Stil. Nach einigem Gebrauch löst sich aber die Farbe, die den Holzstil wie ein Plastikmantel umgibt, und zerbröselt im Putzwasser oder auf dem Boden (siehe Foto). Erstaunlich fand ich, dass unter dem hässlichen Farbmantel ein wunderschöner, roter Holzstil zum Vorschein kam.
- Ein peinliches, aber wichtiges Utensil für Europäer ist das Klopapier. Hier ist die brasilianische Industrie geradezu vorgeprescht und hat hauchzartes, seidenweiches Papier entwickelt, das wie ein zärtlicher Kuss ist: leicht, flüchtig, zart und zerbröselnd, wenn man damit zu unsanft umgeht. Man kann es in so viele Lagen falten wie man will, es bleibt zart und fein und gewährt Durchgriff, wohin man eigentlich keinen Durchgriff haben wollte. Dabei hat es noch einen königlichen Preis: Der zarte Hauch kostet für 4 Rollen zwischen 2 und 3 Euro. Übrigens sollte man es nicht in der Toilette entsorgen, weil dadurch das Klo verstopft. Die Rohre sind zu dünn ausgelegt. In der Regel findet man einen Abfalleimer neben dem Klo. Nur mutig das hinein, was auf der Hand liegt!
- Die elektrische Dusche ist von der Putzfrau als Heißwasserbereiter genommen worden mit dem Erfolg, dass sie durchschmorte.
- Der Plastikhalter für Seife in der Dusche hat einen feinen Lederlook, aber die Seife rutscht immer runter und fällt in die Dusche.
- Der neue Deckenventilator stellt nach nur einer Woche den Dienst ein.
- Der teure Elektrorasenmäher hat ein sprödes, billiges Plastikgehäuse.
- Meine neuen Schuhe trug ich 5 Stunden, um danach 3 Monate lang Schmerzen an den Füßen zu haben.
Darum nehme ich möglichst alles aus Deutschland mit,
was uns das Leben in Brasilien erleichtert. Deswegen suche ich mir immer
Fluggesellschaften raus, die möglichst viel Gepäck mitnehmen. Das ist vor allem die TAP, die jeweils 2 x 32 kg pro Person transportierten. Seit einiger Zeit hat die TAM (2 x 23 kg Gepäck erlaubt) begonnen, von Frankfurt aus Direktflüge nach São Paulo anzubieten. Jeden Abend geht eine Maschine - 2009 sogar eine ganz moderne (na ja, mehr Platz für die Beine gibt es da auch nicht ... Pro Reihe sind 10 Plätze, nicht mehr nur 8) Boing 777 - 300ER - um 20.00 Uhr los, die am nächsten Morgen nach 11 Stunden und 50 Minuten Flugzeit ankommt.
Für die Menschen in Brasilien ist das Leben schwierig. Dabei
ist tröstlich, dass es den allermeisten Menschen ähnlich schlecht geht, was –
ähnlich wie in Deutschland vor 100 Jahren – den Neidfaktor verringert. In
Brasilien gibt es einen Mindestlohn. Der ist auch wirklich sehr gering. Wenn er
ausgegeben ist, bleibt meist noch sehr viel Monat übrig. Wie die Menschen dann
überleben, bleibt letztlich ihnen selber überlassen, was übrigens die
Kriminalität vieler Kleinkrimineller fast verständlich werden lässt, denn es
geht ums nackte Überleben. Das weiß aber auch jeder Brasilianer. Etliche sind
darum schon von Kindheit an daran gewöhnt, sehr fleißig zu sein, viel zu
lernen, um später einen gesicherten Lebensunterhalt zu haben. Das gefällt dem
Staat auch richtig gut, denn diese Menschen tragen letztlich die Steuerlast
Brasiliens.
Menschliche Arbeitskraft ist also nicht viel wert in Brasilien,
wie der Mindestlohn zeigt. Es ist in Bombinhas zwar leicht, jemanden zu finden,
der für wenig Geld im Haushalt arbeitet. Aber dennoch muss man hier sehr
aufpassen. Bezahlt man seinen häuslichen Angestellten wirklich nur einen
Mindestlohn, muss man damit rechnen, dass die Arbeit nicht richtig gemacht wird
und jede Möglichkeit genutzt wird, ihr zu entwischen. Erstaunlich ist das
nicht, weil man weitere Arbeitsstellen mit Mindestlohn braucht, um zu überleben. Wir haben z.B. jemanden angestellt für einen Mindestlohn, der einfach nur nach unserer Wohnung sieht und sie sauber hält, während wir in Deutschland sind. Das Gehalt wurde gezahlt, die Arbeit aber nicht gemacht, oder nur sehr oberflächlich. Nie war unsere Wohnung so schmutzig wie in 2009, als wir einer Putzfrau den hohen Lohn (240 Real = 75 Euro, ein für Brasilien geradezu fürstlicher Lohn für Putzarbeiten) dafür gegeben haben, dass sie uns die Wohnung vor unserer Ankunft sauber machen sollte.
Und noch eine Falle gibt es. Rudi hat einmal einen
lernbehinderten, jungen Mann aus Freundlichkeit bei sich arbeiten lassen und
ihn dafür entlohnt. Es war eine Good-Will-Aktion ohne Arbeitsvertrag. Nach
kurzer Zeit wollte der junge Mann mehr Geld für weniger Arbeit. Rudi stimmte
nicht zu. Der Mann ging daraufhin wegen Schwarzarbeit vor das Arbeitsgericht und Rudi musste
nachzahlen und Strafe für Schwarzarbeit zahlen. Das war eine teure Angelegenheit für ein gutes Herz! Denn das
Arbeitsrecht in Brasilien schützt den Arbeitnehmer sehr gut und alle, die
Menschen schwarz arbeiten lassen, sind ihnen letztlich ausgeliefert, was ein
wirklich blödes Gefühl ist. Selbst wenn man eine Putzfrau schwarz anstellt und ihr dann aus welchen Gründen auch immer kündigt, muss man damit rechnen, dass sie vor das Arbeitsgericht geht. Offenbar gibt es Anwälte, die sich darauf spezialisieren und dann einen Anteil der erstrittenen Summe kassieren. Denn das Merkwürdige ist, dass es selbst von diesen Menschen, die den Arbeitgeber vor Gericht gezerrt haben und so eine gute Summe erstritten haben, kurze Zeit später schon Grußkarten kommen als sei nichts passiert: wie schön doch die Zeit beim alten Arbeitgeber gewesen sei und wie man sich danach zurück sehnt. So ist es Rudi mehrfach passiert. Erklärlich ist das nur, wenn der entlassene Arbeitnehmer den Prozess gar nicht richtig registriert hat, weil das weitgehend ohne ihn lief, und natürlich durch die unkomplizierte Art vieler Brasilianer, die sich gar nicht vorstellen können, dass man nicht freundlich miteinander umgehen könnte.
Der Vorteil mit den billigen Löhnen liegt aber auch auf der Hand: Alle Dienstleistungen sind in der Regel sehr preiswert. Das beginnt bei Friseurbesuchen und Handwerkerbesuchen (wenn man qualifizierte Handwerker bekommt!) bis hin zu medizinischen Behandlungen. Außerdem kann man ausgesprochen günstig essen gehen. Der Besuch einer rustikalen Churrascaria auf dem Lande ist ein Erlebnis für Augen, Ohren und Gaumen. Davon an anderer Stelle mehr.